«Jetzt bloß keinen besonnenen Dialog. Wir brauchen ganz schnell die Vorratsdatenspeicherung! Mehr Sicherheitskontrollen (...) Statt darüber nachzudenken wie wir dem Hass die Grundlage entziehen, indem wir unsere abendländische Ignoranz verlieren gegenüber Ausbeutung, Ungerechtigkeit, der Diktatur der Märkte, liefern wir den Pegida-Honks Argumente für ihre paranoide Unterwanderungshysterie.»
(Serdar Somuncu in «Mitternachtsspitzen», WDR am 17.01.2015)

Terror und Angst. 
 
Mitunter mag man sich vielleicht unklar darüber sein, ob man sich angesichts der derzeitigen politischen und gesellschaftspolitischen Entwicklungen ‒ den Terror-Anschlägen und des Gegen-Terror-Terrors und sonstigen beunruhigenden Nachrichten ‒ vielleicht nicht besser ganz abschotten sollte. Oder, im Gegenteil, sich eingehender informieren?
 
Ich habe gemerkt, dass mir ein selbstbestimmterer Umgang mit den Medien am besten bekommt: Ich entscheide möglichst, wann welche Nachrichten zu mir gelangen. Dazu gehören auch Sendepausen vom Input: kein Smartphone, kein Internet, Radio und TV. Und ich habe gemerkt, dass ich der Verzweiflung, die man angesichts all des erwähnten leicht empfinden kann, am ehesten entgegenwirken kann, wenn ich direkt aus dieser Energie Dinge tue, aktiv werde ‒ anstatt zu resignieren, zu reagieren, immer nur zu konsumieren. 
 
Auf einer Tagung in der «kleinsten Stadt Bayerns» (Rothenfels) sprach Eugen Drewermann auch zu diesem Themenfeld. Er beantwortete eine Frage aus dem Kreis der etwa 200 Teilnehmer wie folgt:
 
«(...) Was machen wir denn mit unserer Angst? ‒ Sie wird uns gemacht. Wenn wir das begreifen, wissen wir schon, wie wir uns verhalten sollen.
 

Überall lauert Gefahr. ‒ Richtig. Am heutigen Tag werden der Statistik nach mindestens zehn Leute unter die Räder gekommen sein ‒ durch Verkehrsunfälle die tödlich waren. Überall, auf jeder Straße, lauert Gefahr. Nur spielt das irgendeine Rolle wenn Sie Montag früh mit dem Auto nach Hause fahren? ‒ Ich hoffe nicht. Sie halten die Gefahr für tolerierbar. Das kann sein, statistisch, es ist nicht unerheblich, alles andere als unerheblich, aber dennoch rein statistisch mit einer Trefferquote versehen, die nach normalem Handeln ausschließt dass es ausgerechnet Sie treffen wird. Das kann es, muss es aber nicht, und also wird es das wahrscheinlich auch nicht ‒ so gehen Sie um mit einer Angst, die wirklich jeden Tag akut ist. Und Sie treffen kann jeden Tag wenn Sie ins Autos steigen.

Warum ist das so? ‒ Weil uns keine Angst gemacht wird. Wie, glauben Sie, sähe die Welt aus, wenn dauernd in der Zeitung stünden alle Autounfälle, die täglich passiert sind, in Deutschland? Es wäre die Hölle los. Die Autoindustrie bräche ein. Es wäre desaströs für unsere Wirtschaft. Also bringt man uns bei dass zehn Tote jeden Tag kein Problem darstellen.

Anders im Terrorismus. Wir haben in einem Jahr vielleicht ein oder zwei Anschläge, die wirklich tödlich sind. Das ist erheblich. Zahlen wie jetzt in Paris, wie in Nizza, wie in Brüssel: schrecklich. Daran will ich überhaupt nichts ändern. Für die Betroffenen eine Katastrophe von Leid. Die Mechanismen die dahinterstehen bedürften einer eigenen Würdigung, aber Sie fragen ja nur: Was machen wir mit der Angst?

Wir können sie sofort nutzen für zwei Zwecke: Wenn wir in Amerika sind, können wir sogar unmittelbar Herrn Trump zuhören, er wird die Rifle-Association weiter fördern, das muss sein. Amerika (...) hat 50 Millionen Schusswaffen (Anm. MEERSTERN: es sind sogar 270 bis 310 Millionen, siehe ZEIT.de). Sie können überhaupt nur ruhig schlafen wenn Sie unter dem Kopfkissen eine Pistole haben, anders geht das nicht. Es ist ärger als im Wilden Westen: überall lauert Gefahr! Für die Waffenlobby ist das schonmal ganz großartig, wenn die Angst sich verbreitet. (...)

Und das nächste ist: Wenn überall Gefahr lauert, dann hat der Staat eine Sonderrolle zu spielen: er muss für Sicherheit garantieren. Das kann er nicht, wird Herr de Maizière sagen, aber man muss es versuchen. Und es gibt keine andere Form, Sicherheit zu garantieren, als Überwachung. Das gilt schonmal für Deutschland. Sie können stehen, wo sie wollen, ob in einer Garage, ob am Omnibusbahnhof, ob im Zugbahnhof, in Flughäfen ‒ Sie werden überwacht. (...) Bleiben wir einmal bei der Angst, man könnte uns umbringen, Terroristen könnten lauern. Dann ist diese Angst, die künstlich hochgespielt wird, die Berechtigung des Staates, den gesamten Privatraum zu zerstören ‒ und die Bürger sind sogar damit einverstanden. Es gibt keine Intimsphäre mehr, es gibt kein Recht auf Personenschutz mehr ‒ alles ist im Zugriff. 

(...)

Subjektiv können Sie sich freisprechen: Sie brauchen keine Angst.

(...)

Real bleibt im Hintergrund die Frage wie wir mit den Ursachen klarkommen. Wie gehen wir um mit dem Terrorismus (...) Man löst keinerlei Problem unter Menschen mit Gewalt. Terrorismus ist ein Problem unter Menschen, kein Problem zwischen Teufeln und Engeln. Auch nicht zwischen Unmenschen und Menschen. Wenn wir erst einmal beginnen zu glauben, was sie uns alle einreden: mit Terroristen kann man nicht reden, es gibt nur eine Umgangsform mit ihnen: Bringt sie um! (...), ist die Spirale der Gewalt unendlich und die Vermehrung der Terroristen schon aus Wut, Protest, Verzweiflung und Hass ins Extrem steigend.»

(23.07.2016, Burg Rothenfels). Vertiefendes und weiterführendes Buch zum Thema «Geld, Gesellschaft und Gewalt» hier.
 
An dieser Stelle möchte ich auch gerne den youtube-Kanal von Rayk Anders empfehlen, dessen Videos einerseits oft rückbesinnen lassen und andererseits wichtige Informationen hervorheben, die elementare Puzzleteile in unserer Meinungsbildung darstellen können. Seine Videos sind in Sachen Machart manches Mal Geschmackssache, aber oft hilft ja bekanntlich nur noch Humor. "Terror: Bißchen Benzin, paar Kugeln" in der Serie Headlinez.
 
Ebenfalls empfehlenswert in Sachen Fakten ist Mirko Drotschmann (youtube: MrWissen2go), hier mit dem Video «Terrorangst! Die Welt am Abgrund?»