«Träume Dein Leben ‒ und lebe Deinen Traum»
(Maria Rabia Rossmanith)

Ich bin ein kreativer Mensch, und mein Leben ist bunt. Ich versuche so achtsam und bewusst wie möglich zu leben. An meine nächtlichen Träume kann ich mich jedoch selten erinnern. Und noch seltener sind sie dann bunt und klar. Doch es gibt eine Zeit im Jahr, in der ich jeweils intensiv träume  warum auch immer. Sie fällt in die Zeit der sogenannten «Rauhnächte» im Dezember.

Säuglinge träumen noch bevor sie auf die Welt kommen, Tiere träumen oft sehr anrührig und lebhaft (wie mein Kater, der lustige Geräusche von sich gibt und dabei seine Schnurrhärchen zucken lässt). Im Schnitt verschlafen wir ganze 24 Jahre unseres Lebens. Was machen wir in dieser Zeit? Irgendwie müssen das echt sinnvolle Stunden sein ... Wir tanken neue Kraft ‒ das mag jeder ahnen. Und weiter? Schon als Kind dachte ich, dass es eine Art «Seelen-TÜV» gibt; dass man im Schlaf «generalüberholt» werden könnte. Und später, eben vor allen Dingen in den Rauhnächten, kam ich wieder zu dieser Vermutung zurück ...

Jahrzehntelang dachte man, dass Träume keine Funktion hätten. Mittlerweile sprechen die Wissenschaftler davon, dass das Gehirn im Traum Erinnerungen verarbeitet. Dass wir im Traum lernen.

Der Theologe und Psychoanalytiker Eugen Drewermann ist überzeugt davon, dass Träume in einer mehr oder weniger geheimen Sprache zu uns sprechen. Genauer gesagt, dass das Unbewusste in Träumen zu uns spricht. Wir könnten uns in Träumen frei entfalten, ganz ohne Scham. (Dafür spricht auch, dass der präfrontale Cortex im Traum gehemmt ist  das Gehirnareal, das für Moral, Sinn und Logik zuständig ist.) Und im Traum kann sogar Heilung geschehen: So verarbeiten wir einerseits Konflikte und üben andererseits bestimmte Situationen im Vorfeld. Drewermann hierzu: «All das ist möglich, weil es einen Erlebnisraum unzensierter Freiheit gibt, wo Poesie, wo Phantasie, wo Kreativität wirklich zugelassen wird. Nur deshalb können Träume wirklich heilen.» Er bezeichnet Träume als «kreative, poetische Sprache der Seele [...], als Kunstwerke.» Und es ist an uns, diese Kunst zu deuten. Doch dazu müssen wir erst einmal zuhören.

Uns selbst wieder zuhören.

Oft ist es unglaublich lohnenswert, Traum-Fragmente aufzuschreiben. Noch nicht ganz wach, kritzeln wir vermeintlich wirre Zeilen auf  und stellen dann einige Stunden, Tage oder Wochen später fest, was doch für eine Weisheit oder «Prophetie» in diesen Erinnerungen lag!

Ein Traumdeutungslexikon ist da nicht der Weisheit letzter Schluss, sondern letztlich immer eine fremde und unzureichende Deutung. Man muss mit Fingerspitzengefühl die individuelle Psychologie dahinter verstehen lernen  und das geht oft erstaunlich viel besser mit dem Herzen als mit dem Hirn. Ich habe einen guten Freund, der mir meine Träume früher mit einer Treffsicherheit gedeutet hat, dass ich dachte es grenzt an Zauberei. Man selbst sieht oft vor lauter Bäumen den Wald nicht, er kannte mich  und sah sowohl den Wald als auch die Bäume.

Da Träume also auch Lösungen anzubieten versuchen, sollten wir uns sensibilsieren und besser zuhören bzw. zuschauen. Das Träumen kann man übrigens lernen. Da wir immer träumen, uns jedoch nicht immer erinnern, muss das Er-innern geübt werden. Hier empfiehlt es sich, jeden Morgen seine Erinnerungen zu notieren, so unwichtig sie auch erschienen mögen.

«Träume versuchen, wie Spiralgänge in einem Hochhaus immer wieder um denselben Problemkern kreisend, in verschiedenen Etagen Lösungen anzubieten.»
(Eugen Drewermann)

Oft ging wichtigen Wendpunkten in meinem Leben ein sehr deutlicher, eindrücklicher Traum voraus, der nicht einmal spektakulär kompliziert sein musste  im Gegenteil. Oft war es nur eine Szene, aber dafür umso intensiver. War es eine Ankündigung? Ein Zeichen der Seele, dass sie bereit ist? Ein Ergebnis komplizierter psychischer Umwälzungen, die sich dann als Ergebnis in der Realität zeigten? Einfach nur Phantasie, aber Basis um Mut für die Realität zu schöpfen? In jedem Fall bin ich dankbar für diese kraftvollen und fruchtbaren Bilder.

24 Jahre lang schlafen und träumen wir ... Und diese eher unterbewusste Zeit wird ein Teil unserer Persönlichkeit, sie formt uns mit.

«Das wirklich Wunderbare ist in einem Satz von George Bernard Shaw formuliert. Er hat gemeint, es gibt Leute, die träumen, um einzuschlafen. Und es gibt Leute, die träumen, um aufzuwachen. Das erstere sind die Banausen, das zweite die Dichter. Wir sollten von den Träumen lernen, Dichter zu werden.» (Eugen Drewermann)

Alle Zitate von Eugen Drewermann stammen aus seinem Buch «Wie zu leben wäre» (Herder-Verlag, 2002)

Bücher von Eugen Drewermann finden Sie hier.

Einen Roman, mit dem Sie garantiert bunter träumen, finden Sie hier.

[Dezember 2015]