Leuchten können

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Jedes Jahr warte ich darauf, die perfekte Nacht zu finden, in der es warm genug ist, um draußen im Park die Glühwürmchen tanzen zu sehen – um mich dort in der magischen Dunkelheit gemeinsam mit meinem Liebsten zwischen ihnen zu drehen. Ein Ereignis, das die Romantik lange satt hält.

Als Schreiberin hatte ich immer das ganze Jahr lang Juni mit Glühwürmchen, war in dauerhafter Romantik mit den Worten und mir selbst. Einige ernsthafte Herausforderungen des Lebens zerrten an meiner Magie und ließen sie gleichsam unwichtig erscheinen, ebenso das Weltgeschehen. Wie kann ich Glühwürmchen nachjagen, während Menschen noch immer für ihre Hautfarbe gejagt werden? Darf ich mich für Stunden aus dieser Welt verabschieden, während ein ganzer Planet nach Sanierung schreit?

Jahrelang habe ich damit gerungen, doch Stück für Stück erkämpfe ich mir die Magie zurück, ein Anrecht darauf, diejenige zu sein, die ich bin.

Das, was wir sind, ist genug, wir müssen unseren Wert nicht durch fragwürdige Normen bestimmen lassen, von Menschen, für die Glühwürmchen und unser Lebensraum die Bedeutung verloren haben. Menschen, denen die Macht – oder vielleicht doch eher die Angst vor dem Leben – zu Kopf steigt, Menschen, die so lange das Außen kontrollieren wollen, bis sie selbst die Kontrolle verlieren und einen vermeintlichen Feind zertreten, der eigentlich nur im eigenen Inneren lauert – und einmal jemand waren, der Glühwürmchen und Akzeptanz nachgejagt ist, nach seiner Mutter gerufen hat und selbst erstickt worden ist.

Ich will gemeinsam mit anderen eine Welt schreiben, in der die Seele etwas zu sagen hat, um zu erkennen, wie unendlich wertvoll die Vielfalt ist – sie zu bewahren. Und jedes Talent wird gebraucht; so gehört auch die Suche nach Schönheit dazu, um den Teil in sich zu erinnern, der die Glühwürmchen vergessen hat, die Romantik mit sich selbst und dem Leben.

Dann dichte ich auf eine Zukunft hin, die Kreativität ganz selbstverständlich unterstützt; von denjenigen, die sie lieben und nicht selbst hervorbringen können, sich stattdessen an die Kunst herantrauen, ein Land zu regieren, Firmen zu führen, Kinder zu erziehen. Erst zusammen ergibt es eine vollständige Welt, in der jeder seiner Berufung nachgehen kann, alle Fähigkeiten gleich viel wert sind: das Dichten und das Arbeiten beim Finanzamt, das Regieren und das Müllabholen, das Chef- und Angestelltersein. Das Schwarze und das Weiße und alle nur erdenklichen Farben dazwischen.

Ein großartiges Gemälde, das jeden braucht, um wirklich vollkommen zu sein – leuchten zu können in der Dunkelheit jeder einzelnen Nacht des Jahres.

 

Katja A. Freese:  

 


© Katja A. Freese / Maria Rabia Rossmanith, MEERSTERN.de

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